Pressmitteilung:
Vom 21.-23.1.08 fand in Bad Urach eine Tagung von über 60 Schulpsychologinnen und Schulpsychologen aus ganz Baden-Württemberg zum Thema „Gewalt und Krisen an Schulen“ statt. Sie wurde organisiert und finanziert in einer Kooperation der Landeszentrale für Politische Bildung und dem Landesverband der Schulpsychologen in Baden-Württemberg e.V.
Seit Erfurt haben Krisenfälle an Schulen kontinuierlich zugenommen, dabei sind es weniger die spektakulären Fälle wie die Waiblinger Geiselnahme, sondern viel häufiger tragische Unfälle, Todesfälle, Selbstmorde sowie Amokdrohungen im Umfeld der Schule. Dies hat im letzten Jahr auch dazu geführt, dass die Landesregierung 50 neue Stellen für Schulpsychologen ermöglichte. Mit der Bad Uracher Veranstaltung konnte der Landesverband der Schulpsychologen seinen Teil dazu beitragen, die neuen Kolleginnen und Kollegen rasch und kompetent in das umfangreiche Tätigkeitsfeld einzuarbeiten.
Für die Veranstaltung konnten hochkarätige Referenten gewonnen werden. Den Auftakt bildete ein Vortrag von Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen.
Für die praktischen Trainingsphasen und Übungen konnte der Krisenexperte Bernhard Meißner von der International School Psychologist Asssociation gewonnen werden, der seit Jahren auf internationaler Ebene Schulpsychologen in Krisenmanagement fortbildet.
Prof. Pfeiffer referierte seine aktuellen Forschungsergebnisse und machte deutlich, dass es entgegen der Meinung einiger Wahlkampfpolitiker keine Zunahme von Gewalt an Schulen gäbe. Im Gegenteil sei die Gewalt an unseren Schulen in den letzten Jahren eher rückläufig sei.
Er nannte zwei Faktoren, die hauptsächlich für diesen Rückgang verantwortlich wären:
- Die Abnahme der familiären Gewalt und
- die Gewaltpräventionsprogramme der Schulen, die nun greifen würden.
Die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechtes und die Möglichkeit des „Platzverweises“ für prügelnde Männer hätten die familiäre Gewalt reduziert. Da Kinder mit Gewalterfahrungen stark gefährdet sind, selbst Gewalt auszuüben, hätte sich dies eindeutig positiv auf die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ausgewirkt.
Die Ausbildung von Konfliktlotsen und Streitschlichtern an Schulen, die zahlreichen Gewaltpräventionsprogramme an Schulen und die Angebote der Polizei in diesem Zusammenhang tragen Früchte. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen schulischen Aktivitäten zu Gewaltprävention und dem Nachlassen von Gewaltdelikten an diesen Schulen.
Einen eindeutigen Zusammenhang sieht Pfeiffer zwischen exzessivem Medienkonsum (vor allem von PC-Spielen) und schlechten Schulleistungen bei Kindern. Vor allem seien Jungen gefährdet, die weitaus häufiger diese Medien nutzen wie Mädchen.
Vereinfacht ausgedrückt lassen sie die gewonnenen Forschungsergebnisse folgendermaßen interpretieren:
- Jungen gebrauchen die Medien weitaus häufiger als Mädchen.
- Jungen gebrauchen weitaus häufiger Computerspiele mit gewalttätigen und altersunangemessenen Inhalten.
- Exzessiver Gebrauch von PC-Spielen führt zu schlechten Schulleistungen.
- Je geringer das Bildungsniveau und der Einkommensstatus der Eltern, desto häufiger der Gebrauch dieser Medien durch die Kinder.
- Mädchen schneiden bei gleicher Intelligenz besser in der Schule und im Studium ab.
- Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden in der Schule benachteiligt.
Pfeifer spricht von einer Krise der Jungen. Seine radikale wie einleuchtende Forderung: „Kein Mediengerät im Kinderzimmer“. Eine sinnvolle Nutzung dieser Medien ist seiner Meinung erst ab dem 12. Lebensjahr möglich und angebracht.
Pfeiffer misst in diesem Zusammenhang den Schulpsychologen eine bedeutende Rolle in Aufklärung und Beratung von Eltern, Lehrern und Schülern zu.
Berhard Meißner war zusammen mit erfahrenen Kollegen aus den eigenen Reihen der Schulpsychologen zuständig für das praktische Training zur Bewältigung von Krisensituationen an Schulen. Anhand konkreter Szenarien wurden das praktische Vorgehen in unterschiedlichen Krisenfällen intensiv eingeübt und erprobt, um für mögliche Ernstfälle gewappnet zu sein. Die Schulpsychologen erreichen dadurch die Kompetenz, Schulen in Krisenfällen professionell zu unterstützen. Die Tagung findet eine Fortsetzung in einem vom Kultusministerium organisierten Trainingskurs im September.
Wolfgang Ehinger
Landesverband der Schulpsychologen in Baden-Württemberg e.V.